MeteringBlog

Energie „intelligent“ zählen und dann?

von Michael Stolze,

Mit der Einführung des Smart Meters wird die EVU Branche, die ja eher die inkrementelle Veränderung und langfristige Planung gewohnt ist, mit teilweise disruptiven Veränderungen konfrontiert.

Die Digitalisierung ist wie in allen Branchen ein wichtiger Treiber der Veränderung. Sichtbar ist dieses bereits in den Vertriebs- und Abwicklungsprozessen. Es gibt jedoch - vermeintlich noch - keine disruptiven, digitalen Geschäftsmodelle, die eine unmittelbare Bedrohung darstellen.

Die Energiewende beinhaltet radikale Veränderungen bei der Energienutzung und Bereitstellung und ist unumkehrbar. Weg von großen zentralen Einheiten, hin zu immer mehr und immer besser vernetzten Anlagen und Strukturen.

Doch nicht nur die wirtschaftliche Ratio, sondern vor allem der Wunsch der Menschen nach umweltfreundlicher, unabhängiger und nachhaltiger Energie und Mobilität werden der entscheidende Treiber sein. Es scheint heute bereits leicht vorstellbar, Strom (aus PV oder BHKW) mit anderen zu teilen oder zu vermarkten. Genau wie man bereits ein nicht genutztes Zimmer oder einen Transportservice bequem per App teilt. Geschäftsmodelle und Prozesse können aus anderen Branchen adaptiert werden oder sind bereits verfügbar.

Spätestens wenn man an den Wärmesektor denkt - und das tut man in der Regel leider immer viel zu spät, obwohl drei Viertel der CO2-Emissionen wärmebedingt sind - wird deutlich, welche Bedeutung der Infrastruktur, also der physikalischen und digitalen Vernetzung aller Marktteilnehmer insbesondere auch der „Prosumer“ zukommt.

Hier kann es jedoch nicht nur um den Schutz der eigenen Interessen durch Markteintrittshemmnisse gehen. Von Bedeutung ist vielmehr die Nutzung von Knowhow für eigene kreative Geschäftsmodelle auf der Basis von Prozessen, die besonders gut beherrscht oder verstanden werden. Diese Kernkompetenzen sind, in Verbindung mit den richtigen Geschäftsmodellen, eine soliden Absicherung in einem Markt in dem es logischerweise zu einer völlig anderen Bedeutung von bereitgestellter „Arbeit“ und „Leistung“ kommen wird. Das bedeutet das lange unumstößlich geltende Paradigma von der Abrechnung einer „Arbeits-Menge“ wird zunehmend der Abrechnung einer „bereitgestellten Leistung“ oder eines „redundanten Potentials“ weichen.

Ist die physikalische Unabhängigkeit von Strom für den Haushaltsgebrauch durch PV, Mini-KWK und Speichertechnik noch leicht vorstellbar, so ist die gleichzeitige Schnellladung diverser E-Mobile wesentlich anspruchsvoller. Hier ist technisch gesehen eine Lösung aus übergeordneten oder gemeinsam betriebenen bzw. genutzten Anlagen wahrscheinlich der bessere Weg. Die bei den Energieversorgern gewohnte Bereitstellung eines großzügigen Leistungspotentials wird damit wertvoller und kann auch anders vermarktet werden.

Im Wärmemarkt ist man die Bezahlung dieses Leistungspotentials durch die Anschaffung von Heizungs- oder Klimaanlagen schon lange gewöhnt. Unternehmen zahlen bereitwillig den gleichen Betrag für Investition, Abschreibungen und Wartungen wie für die zur Umwandlung in „Wärme“ bereitgestellte Energie. Allerdings mit dem deutlich nachteiligen Effekt, dass es zu viel unvernetztes und damit zu ineffizient eingesetztes Leistungspotential in Form von z.B. Heizungsanlagen gibt.

Beides wird man im Sinne einer erfolgreichen Energiewende angehen müssen und bei beidem ergeben sich interessante Chancen für neue Geschäftsmodelle.

Und viele dieser neuen Geschäftsmodelle werden, wie in anderen Branchen auch, auf „Daten“ und daraus ableitbaren Informationen beruhen. Im Energiemarkt kommt dem „Zählen von Energie“ und abrechenbaren Einheiten sicherlich große Bedeutung zu. Löst man diese Anforderung mit einem möglichst großen Sicherheitsstandard, ist man z.B. beim Smart Meter.

Sie können die Schnittstelle für eine Reihe von denkbaren Services und Anwendungen werden, bei denen die Funktion und spezifische Ausprägung der „Smart Meter“ den Kunden Nutzen bieten, bspw. durch die Verbindung in das übergeordnete „intelligente Energienetz“. Der Zugang zum Kunden wird einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren neuer, durch die „Digitalisierung“ möglicher, Geschäftsmodelle.

Dabei gilt es nicht nur, die aktuellen Kundenbedürfnisse zu erkennen und die eigenen Produkte möglichst nutzenstiftend auszulegen. Die Frage nach den zukünftigen Kundenbedürfnissen wird aufgrund der Veränderungsdynamik immer wichtiger: Wie werden sich die großen Trends auf die Lebensgewohnheiten der Kunden auswirken und was werden die „Jobs“ sein, die Produkte zukünftig erledigen müssen?

Damit rückt auch ein genauer und vor allem kritisch neutraler Blick auf Wertschöpfungsketten und die eigenen Kernkompetenzen in den Mittelpunkt. Die Konzentration der eigenen Ressourcen auf diejenigen Wertschöpfungsteile, in denen die eigenen Kernkompetenzen liegen, ist wichtig - wird vermutlich aber nicht mehr ausreichen. Die Fähigkeit zur Entwicklung neuer Kompetenzen und zur Kooperation über Unternehmensgrenzen hinweg wird ein entscheidender Wettbewerbsfaktor im Kampf um den Kunden.

Die Teilnahme an den „Smarten Energiewelten“ der (bereits begonnenen) Zukunft wird in starkem Maß davon abhängen, inwieweit es den Unternehmen gelingt, sich ausbalanciert im Kräftefeld von Kundennutzen und eigenen Ressourcen und Fähigkeiten zu positionieren.

Das gilt auch für die Entwicklungen im Umfeld des Smart Meter Roll Outs.

 

Michael Stolze
Michael Stolze

Manager bei Kreutz & Partner GmbH

Mit 10 Jahren Führungs- und Managementerfahrung bei Unternehmen wie Viessmann oder Mainova, aber auch als Geschäftsführer von KMUs, sowie als zertifizierter Energieauditor (BAFA) verfügt er über umfangreiche fachliche Expertise für unternehmerische Handlungsansätze. Dies und ein theoretisches Fundament, erworben an den Universitäten Hannover, Aachen und St. Gallen sowie ein bodenständiger Blick für Machbarkeiten und Ressourcen, schaffen damit das Potential für innovative Lösungen und praktische Umsetzungen.

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