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Dynamischer Stromtarif für Haushaltskunden

von Thorsten Meyer,

Als NEW 4.0 Partner arbeiten die Stadtwerke Norderstedt als einer der ersten Versorger Deutschlands an einem dynamischen Stromtarif für Haushaltskunden. 2017 wurden deutschlandweit insgesamt 5.518 Gigawattstunden Ökostrom ab geregelt, weil es keinen Abnehmer gab. So entstanden Entschädigungen in Höhe von 610 Millionen Euro für das Einspeisemanagement (abgekürzt Einsman). Der im NEW 4.0-Teilprojekt entwickelte Tarif der Stadtwerke Norderstedt soll Haushalten spürbare Preisnachlässe in den Einsmanzeiten gewähren, um auf der Verbrauchseite ein Gegengewicht zu den Überkapazitäten in der Erzeugung aufzubauen. Projektleiter Thorsten Meyer im Interview:

MeterPan: Was ist das Ziel des Projekts – welche Fragen sollen bis zum Projektende 2020 beantwortet werden?
Vorab: Die Stadtwerke Norderstedt sind das einzige von 60 Unternehmen aus der NEW 4.0-Allianz, das Kunden aktiv mit einbindet. Die Allianz hat das Ziel, den überschüssigen Strom zu verwerten und das auf ganz unterschiedliche Art. Die Einen machen aus Strom Gas, die Anderen Wärme, die Dritten bauen Europas größten Akku. Wir, die Stadtwerke Norderstedt, wollen herausfinden, ob es gesellschaftlich akzeptiert und kaufmännisch möglich ist, dynamische Stromtarife einzuführen. Darüber hinaus wollen wir verschiedene Tarife konzipieren, die auf Basis der Kundenerfahrungen entwickelt werden. Die Tarife werden so gestaltet, dass sie Anreize liefern, die eigenen Verhaltensmuster derart zu verändern, dass je nach Verfügbarkeit Strom verbraucht beziehungsweise gespeichert wird oder Verbräuche verschoben werden. Die Beschaffung der benötigten Strommengen erfolgt über einen eigens im Rahmen des NEW 4.0-Projekts geschaffenen Energie-Marktplatz.
Ziel ist es, die Nachfrage nicht nur bei Windabregelungen, sondern später auch bei hohen Windmengen zu steuern. Im Rahmen des Forschungsprojekts werden dabei geeignete Schwellen erarbeitet, ab welcher Megawatt-Zahl im Netz der Strom günstig angeboten werden kann. Bis dahin gilt es, noch viele Randthemen zu klären. Ein wichtiges Thema ist das Feld „Versicherung“. Schalten wir einem Kunden, beispielsweise wegen offener Rechnungen, den Strom ab, dürfen wir ihn nicht aus der Ferne wieder anschalten. Entsteht aus Unachtsamkeit ein Hausbrand, weil auf einem nicht eingeschalteten Herd ein Handtuch liegen geblieben ist, sind wir verpflichtet, den Schaden zu regulieren. Die Flexibilisierung der Verbräuche durch automatisch schaltbare Steckdosen ist aber ein zentrales Element des NEW 4.0-Projekts. So kann der Haushalt genau die Geräte anschließen, mit denen er den günstigen Strom immer dann verbraucht, wenn er verfügbar ist, ohne sich darum kümmern zu müssen, wann es so weit ist. Fest angeschlossene Geräte stehen dabei nicht im Fokus. Außerdem weisen wir die Haushalte ausdrücklich darauf hin, dass hitzeerzeugende Verbraucher nicht ohne Aufsicht angeschlossen werden dürfen. Trotzdem ist dieser Bereich rechtlich nicht abschließend geregelt.

MeterPan: Wie sind die Stadtwerke Norderstedt auf die Idee gekommen, das Teilprojekt der dynamischen Tarife anzugehen?
Die Stadtwerke Norderstedt verfügen durch die Tochtergesellschaft wilhelm.tel GmbH über fast 20 Jahre Erfahrung im Ausbau und Betrieb von Glasfasernetzen. Das in Norderstedt flächendeckend ausgebaute Glasfasernetz ist die optimale Voraussetzung zum Einsatz digitaler Stromzähler (Smart Meter). Inzwischen sind fast alle rund 45.000 Haushalte mit einem Smart Meter ausgestattet. Gut ein Drittel dieser Smart Meter ist über ein Kommunikationsmodul an das Glasfasernetz angeschlossen und informiert den Haushalt quasi in Echtzeit im 15-Minuten-Takt über seinen Stromverbrauch. Die Verbräuche werden so nachvollziehbar und eine monatliche Abrechnung der echten Verbräuche schafft Transparenz und Bewusstsein. Der im Jahr 2012 eingeführte Tarif „Gezeitenstrom“ war einer der ersten zeitvariablen Tarife bundesweit und verfügte über drei feste Zeitzonen. Das Wochenende ist dabei fast um die Hälfte günstiger als der Werktag. Damals wie heute war das Ziel die Flexibilisierung und Verlagerung der Verbräuche. Mittlerweile sind die monatliche Abrechnung sowie die Darstellung aller Verbrauchsdaten im Kundenportal fester Bestandteil aller angebotenen Sondertarife. Wir müssen, wenn nötig, die Lasten verschieben.
Die Erneuerbaren Energien haben nicht nur Vorteile, sondern auch Schattenseiten: Unter anderem können wir zwar starken Wind, Sturm oder Böen voraussagen, aber eben nur zum Zeitpunkt X. Was gerade im Netz abgenommen wird, kann man hingegen nur grob aus historischen Werten ableiten, real und genau messen aber nur zum selben Zeitpunkt X. Vielleicht können wir dem Kunden demnächst ein paar Stunden vorher prognostizieren, wann An- und Ausschalt-Stunden erfolgen.
Aber es gilt, in dem Moment zu handeln, in dem es passiert. Andere Länder, andere Sitten – auch hier schauen wir über den Tellerrand hinaus in andere Länder, wie diese mit der Verlagerung des Stroms umgehen.

MeterPan: Was ist der Status quo des Projekts?
Wir zählen mit Stand Ende Dezember 2018 550 Haushalte, die mitmachen wollen. Von diesen sind schon 400 online, die bereits mitmachen und mitforschen. Ich bin überwältigt – dass es so einen großen Ansturm in so kurzer Zeit gibt, hätte ich nicht gedacht. Im Januar geht die Akquise direkt weiter. Die technischen Voraussetzungen zur Anbindung der Testhaushalte wurden in den vergangenen Monaten geschaffen. Nun akquirieren wir die Testhaushalte über Mailings, Werbung und Informationsabende. 2.000 Haushalte ist die selbstdefinierte Zielvorgabe, aber kein Muss. Eine derzeit in der Entwicklung befindliche App wird dem Kunden die Möglichkeit geben, in seinen persönlichen Einstellungen zu definieren, nach welchen Vorgaben sein Verbrauch gesteuert werden soll. Je weniger Vorgaben der Haushalt macht, desto flexibler ist sein Verbrauch und desto höher ist sein Sparpotenzial durch günstige Tarife.
Übrigens: Am 18. Februar 2019 findet von 18:00 bis 21:00 Uhr der nächste Infoabend im TechnikCenter in der Heidbergstraße 101-111 statt. Alle Termine stehen auf unserer Homepage.

MeterPan: Längst nicht alle Menschen setzen sich in ihrem Alltag mit dem Thema Strom auseinander. Wie versuchen Sie, das Angebot attraktiv zu machen?
Motivierendes Element ist der niedrige Preis und damit die mögliche Ersparnis. Trotzdem bleibt NEW 4.0 ein Forschungsprojekt. Die Barrieren zur Teilnahme werden so weit wie möglich reduziert, indem Techniker vor Ort die nötigen Installationen vornehmen. Visualisierungen sind ein weiteres Feld. Die Darstellung von Informationen muss klar, einfach und unmissverständlich sein. Regelmäßige Workshops und Informationsveranstaltungen mit den Kunden liefern uns wichtiges Feedback, das unmittelbar wieder in das Projekt einfließt. Der erste Kundenfeedback-Termin wird im Januar 2019 stattfinden. Hier sollen uns Kunden berichten, was gut und was schlecht läuft. Uns soll aber auch gesagt werden, was wir ändern müssen. Natürlich geht der Wunsch nicht in Erfüllung, die Steckdosen durchgehend vergünstigt anzulassen. Letztlich ist es Teil des Projekts herauszufinden, wie Menschen zur aktiveren Auseinandersetzung mit ihrem Stromverbrauch motiviert werden können. Es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen können. Durch die flexiblen Tarife und den Rabatt können die Kunden bis zu einem Sechstel der Stromkosten sparen, was bei der Aufladung eines E-Autos einen spürbaren Unterschied macht. Ein anderer wichtiger Faktor ist, das Gefühl zu haben, etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Wir wollen mit dem Projekt vor allem Transparenz schaffen. Eines muss jedem bewusst sein, Forschung kann auch die Erkenntnis bringen: „So geht’s nicht.“ Aber dann gehen wir zwei Schritte zurück, richten uns neu aus und forschen weiter. Wir Menschen neigen oft dazu, viel zu schnell zu urteilen und etwas als „klappt eh nicht“ abzutun. Wenn man überlegt, dass der Bau des ersten Hubschraubers 30 Jahre gedauert hat, kann man sehen, was es an Geduld, Kondition und Ausdauer braucht, um Themen umzusetzen. Kurzum, wir dürfen uns von Rückschlägen nicht entmutigen lassen und müssen durchhalten.
Es gibt nur diesen einen Planeten und keinen Plan B.

MeterPan: Was ist die Aufgabe des Kunden?
Bei NEW 4.0 drehen wir den Spieß einmal um. Wir nehmen uns in diesem Projekt zurück und lassen den Kunden den Vortritt. Wir schaffen lediglich die Plattform und würden uns wünschen, dass die Kunden eine oder mehrere Rollen annehmen: Wir suchen Entwickler, Entdecker, Abenteurer, Wissenschaftler, Tüftler, Bastler, Macher. Wir suchen Feedbackgeber, Konstrukteure, Forscher, Ideengeber, helle Köpfe, Denker. Schöpfer, Mitgestalter, Produktmanager, Designer und Pioniere. Die Kunden sollen uns sagen, was geht und was nicht und was sie brauchen, damit das Angebot vom Konsumenten künftig akzeptiert wird.

MeterPan: Untersuchen Sie abseits der Tarifmodell-Entwicklung auch weitere Aspekte der flexiblen Stromnutzung?
Wir sprechen mit der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg- Wandsbek darüber, Testhaushalte mit Akkus auszustatten. In windreichen Phasen werden diese Akkus, deren Kapazität die von Laptops, Akkusaugern und Smartphones deutlich übersteigt, geladen. Der Haushalt entscheidet dann in windarmen Phasen, wofür er den gespeicherten Strom verwendet. Einen Schritt weitergedacht, tauschen die Haushalte den gespeicherten Strom über eine preisbestimmende Handelsplattform untereinander aus und werden so vom Verbraucher quasi zum Erzeuger. Dieses Teilprojekt ist Zukunftsmusik und ein interner Test, um zu eruieren, welche Möglichkeiten sich entwickeln lassen. Des Weiteren werden wir in naher Zukunft Untersuchungen anstoßen, die Wallboxen ähnlich wie die Steckdosen anzusteuern, um das E-Auto wirklich mit 3-Phasen laden zu können. Wir haben gerade eine Möglichkeit gefunden, einen Warmwasserspeicher mit zu steuern. Der Hinweis gilt aber weiterhin, dass keine Hitze entwickelnden Geräte ohne Aufsicht angeschlossen und betrieben werden dürfen! Die Stadtwerke arbeiten erst mal unter Laborbedingungen, daher die dringende Bitte, es nicht einfach nachzubauen. Mit der Firma Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte (kurz BSH) besprechen wir gerade andere Wege, um Waschmaschinen und Wäschetrockner aus der Ferne zu steuern, ohne sie stromlos zu schalten.
BSH nutzt eine Extra-Einheit namens CEM (Customer Energy Manager), die dann von den Stadtwerken geschaltet wird. Hierzu werden demnächst die ersten Testgeräte an die Stadtwerke geliefert. Sollte der Test erfolgreich sein, werden die Stadtwerke 50 weitere Geräte für Kunden bekommen. Wir werden diese dann verlosen, aber so, dass wir alle sozialen Schichten der Bevölkerung ansprechen. Vom Single-Haushalt über Ruheständler bis zu Großfamilien in Wohnungen und Häusern.

Aktuelle Zahlen:
Im November haben wir 5,5 MWatth verschoben (mit nur 250 Kunden). Hochgerechnet auf 2.000 Kunden hieße es 44 mWatth im Monat. Highlight Kunden haben 440kWh verbraucht.

Im Dezember haben wir 9 MWatth verschoben (mit nur 350 Kunden). Hochgerechnet auf 2.000 Kunden hieße es 51 mWatth im Monat. Highlight Kunden haben 629 kWh verbraucht.

MeterPan: Herr Meyer, vielen Dank für Ihre Zeit und diesen Einblick ins Forschungsprojekt NEW 4.0. 

Thorsten Meyer
Thorsten Meyer

Der Kommunikationselektroniker und Diplom-Ingenieur der Medienbetriebstechnik leitet das Energiewendeprojekt SINTEG I NEW 4.0  bei den Stadtwerken Norderstedt im Bereich Vertrieb Netze seit Februar 2018. 

tmeyer[at]stadtwerke-norderstedt [dot] de